Martyrium der Liebe

Es ist geradezu unglaublich, dass man ausgerechnet Verdis »La traviata« auf diese Weise dem nahezu vollzählig versammelten Instrumentarium eines dekonstruierenden Theaters aussetzen und eine derartig unmittelbare Wirkung damit erreichen kann! Wenn man es kann. Denn gegen alle Wahrscheinlichkeit greift diese Traviata sehr schnell ans Herz. Und brennt sich ins emotionale Gedächtnis ein. Und zwar gerade, weil dieses darstellerische Solo – denn genau das ist es – einer grandiosen Sängerdarstellerin nicht von einer naturalistischen Rührseligkeit enthält oder die böse Männerwelt gegen die wahrhaft Liebende antreten lässt. (...) Benedikt von Peter, sein Team und die vokal ideale und darstellerisch schlichtweg grandiose Nicole Chevalier haben sich offenbar so in diese Musik und in diese längst herauf und herunter interpretierte Geschichte vertieft und dabei alle Rezeptionsgewohnheiten vergessen, dass sie selbst erschüttert gewesen sein müssen, was sie dahinter an menschlicher Leidenschaft und Leidenfähigkeit, an Selbstaufgabe und Wahrhaftigkeit, an Martyrium der Liebe fanden. (...) Gregor Bühl am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters gelingt es, Emotionen zu entfachen und dabei eine komplizierte Klanglogistik sicher im Griff zu behalten. Philipp Heos Alfredo überzeugt mit klangschöner Sicherheit als Alfredo ebenso wie Brian Davis als großformatiger Giorgio Germont. Das gesamte Ensemble und der Chor sind in bester Verfassung.

FAZIT: Die gerade angelaufene Spielzeit hat mit dieser »traviata« bereits einen ihrer Höhepunkte. Sie bietet musikalisch und vokal ein hohes Niveau. Sensationell ist die Violetta der Nicole Chevalier – vokal ohne Tadel, darstellerisch rückhaltlos und damit schlichtweg ergreifend. Ebenso überwältigend ist die radikale Inszenierung von Benedikt von Peter. Es straft all jene Lügen, die dem sogenannten Regie- (oder Regisseurs-)theater schon das Totenglöckchen läuten. Man muss es halt nur können und zum Kern der Werke, die man auf die Bühne bringt, durchdringen. Die Oper in Hannover jedenfalls hat sich gleich zum Spielzeitauftakt mit einem Coup zu Wort gemeldet. Bravi!

+ 17.10.11 + www.omm.de + Joachim Lange +

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