Beklemmend, bewegend

 

Dietrich W. Hilsdorf, der die Dialoge der Karmelitinnen in Hannovers Erstaufführung inszeniert hat, legt Blanche quasi auf die Psychiatercouch und kommt zu spannenden Ergebnissen. Die eigentlich junge Blanche ist eine vorgealterte Frau mit Angst- und Zwangsstörungen, deren Neurosen vielfache Ursachen haben. Da gibt es die Erziehung ihres strengen, distanzierten Vaters, der es nie überwunden hat, dass seine Frau bei der Geburt Blanches starb, die eine Frühgeburt nach einem Schreckenserlebnis war – was gleich zwei mögliche Ursachen für Blanches Störungen sein könnten und da gibt es das inzestuöse Verhältnis mit ihrem Bruder, der sie mehr als eine Schwester liebt und dessen Berührungen sie sich angstvoll entzieht. Kein Wunder, dass sie neben ihren Ängsten auch ein starkes, unterdrücktes Aggressionspotential hat.

 

Dorothea Maria Marx gestaltet die Blanche stimmlich und insbesondere auch darstellerisch in dieser Charakterisierung absolut überzeugend. Simon Bodes heller, leichtklingender, schön timbrierter Tenor ist ideal für die Partie ihres Bruders. Stefan Adam verleiht dem Vater neben Strenge auch unterdrückte Verletztheit. Als alte Priorin erinnert Renate Behle an viele großartige Opernabende mit ihr in Hannover und singt die Partie mit in dieser Lage absolut intakter Stimme, die genau den richtigen Anteil an Betagtheit mitklingen lässt. Eine großartige Charakterzeichnung. Als ihre Nachfolgerin als Priorin glänzt Kelly God mit volltönendem, warmem Sopran. Monika Walerowicz singt und spielt die Mère Marie mit vielen Facetten und Ausdrucksvarianten und hinterlässt einen ebenso guten Eindruck wie Ania Vegry als Constance, ihr charakterliches Gegenstück, deren Lebensfreude sich in ihrem beweglichen, leuchtenden Sopran widerspiegelt. Mit Latchezar Pravtchev ist der Beichtvater bestens besetzt. Adäquat sind auch die kleineren Partien besetzt, wobei Yannick Spanier als Diener und Beamter besonders auf sich aufmerksam machen kann. Valtteri Rauhalammis Dirigat ist von der ersten bis zur letzten Note fesselnd und in seiner Intensität atemberaubend, beklemmend, bewegend. Das Staatsorchester ist bestens disponiert.
 

+ 04.06.18 + Online Musik Magazin + Bernd Stopka +

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