My Fair Lady

Einmal groß – einmal klein

[...] ›My Fair Lady’ an der Staatsoper Hannover: ganz heutig, taufrisch, hoch amüsant und vor allem sensationell gut. Bernd Mottls Lesart funktioniert, weil der Regisseur jeder Figur pralles Leben einflößt, genüsslich Details auskostet und immer wieder Spaß mit leicht parodistischem Zungenschlag herauskitzelt. Da flammen selbst bei Mrs. Pearce (zunächst herrlich gouvernantenhaft: Carola Rentz) amouröse Neigungen gegenüber Oberst Pickering (köstlich affektiert: Roland Wagenführer) auf, der jedoch lieber mit Henry Higgins eine Liaison eingehen möchte. Auf Liebespfaden wandert der spätpubertäre Freddy (Ivan Tursic) ebenfalls ohne Fortune. Denn Eliza, seine Angebetete, hat da längst ihr Herz an den Professor verloren. Dessen wichtigstes Organ entpuppt sich indes als ziemlich stählern. Erst der atemberaubende Showdown mit Gewehr und emanzipatorischer Geste erweicht den Akademiker. Jede Rolle zeigt in dieser temporeichen Inszenierung klare Konturen, in vorderster Reihe stehen natürlich Eliza und Higgins: Winnie Böwe vollzieht den lerneffizienten Cinderella-Effekt mit unbändiger Spielfreude, Gleiches gilt für Klaus Schreiber, der seine egomanischen Attitüden zelebriert. Beide sind eine Idealbesetzung. Gertraud Wagner als manierierte Higgins-Mutti, ihr lasziver Dienst (Abdi Benti) und der energetisch mächtig aufgeladene Alfred Doolittle von Frank Schneiders geben dem Affen umwerfend gut gelaunt ständig Zucker.

Bernd Mottl treibt das Ensemble zu komödiantischem Volldampf, exzellent unterstützt von seinem Choreographen Otto Pichler, der um keinen Einfall verlegen scheint, unter anderem die Berliner Bettler zu einem aufgedrehtem Unterhosen-Ballett formiert. Die fantastisch designte Ausstattung von Friedrich Eggert (Bühne) und Nicole von Graevenitz (Kostüme) erweist sich als Klase für sich. Die häufig eingesetzte Hebebühne fährt sämtliche Etagen der Higgins-Villa von Elizas Keller-Kemenate bis zum Dachstuhl in perfekt ausgeleuchtetes (Klaus Achenhaus) Rampenlicht. Wunderbar: die verwegene Hutparade von Ascot oder die Nana-Skulpturen im Park. Bei so viel Glanz fehlt erfreulicherweise der kleinste Schatten. Auch Dirigent Lutz de Veer und das prächtig federnde Staatsorchester treiben ›My Fair Lady’ auf die Spitze. Die unverwüstlichen Songs von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner sind bei den Musikern jedenfalls in allerbesten Händen, egal ob es sich um das fast als Chanson interpretierte »Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann« oder das deftige »Hey, heute Morgen mach’ ich Hochzeit« handelt. Besser geht’s wohl nimmer. Das Publikum jubelte über den spitzig aufgepeppten Musical-Klassiker.

+ Februar/März + Musicals + Heinz-Jürgen Ricker +

zurück zu »My Fair Lady«