Flieg, Pfeil des Amor, flieg!

Unter liebenswerten Narren: An der Staatsoper Hannover glückt Rossinis "Il viaggio a Reims"

[...] Wohlan, dachte sich Regisseur Matthias Davids, der das Opus in Hannover in Szene setzte: die Ära der Postkutschen ist vorbei. Heute fliegt alles, was zwei Beine hat. Also fliegen auch wir. [...] Das Hotel mutiert zum "Aéroport Charles X" (Bühne: Marina Hellmann). Noch bevor der erste Ton im Graben erklingt, erscheint die Servicekünstlerin Maddalena (Mareike Morr) und macht das Publikum mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut. [...] Davids aber hat in die schillernde Partitur von 1824, die passagenweise die Höhe von "Il Barbiere di Siviglia" locker erreicht, mit scharfem Blick hineingeschaut. Und er hat dort diese ganzen emotionalen Girlanden, Verzwirbelungen und Verulkungen entdeckt, die nun auf der Szene zu sehen sind. "Il Viaggio", das wird an diesem vor augenzwinkerndem Witz und Ideen nur so sprühenden Abend deutlich, ist eben nicht mehr als das, was sie zu sein vorgibt: eine komische Oper. Alles ist, wie es scheint. Alles ist Karikatur. [...] Zum Niederknien amüsant aber gelingt die Charakterisierung des seit Adam und Eva unmöglichsten Paares auf Erden: hier die höflich-distanzierte polnische Marquesa Melibea (Monika Walerowicz mit funkelndem Sopran), dort der völlig durchgeknallte russische Graf Libenskof (Sung-Keun Park als ein markiger Tenor mit üppiger Spiellaune). Wie sich diese beiden in der ausladenden Duettszene aus anfänglicher gegenseitiger Ablehnung mit jedem Takt zusehends in Wallung bringen, und wie sie mehr und mehr von Amors irrlichterndem Pfeil durchbohrt werden, das zeigt uns wieder, wie einfach das Leben, die Liebe und besonders die komische Oper sein können, wenn man sie nicht hypertrophiert oder zersetzt, sondern einfach ihrem Esprit vertraut. Und wenn man, was in Hannover der glückliche Fall ist, ein Ensemble vereint, das unglaublich großen Spaß am eigenen Tun hat. Chapeau!

+ 13.04.10 + Frankfurter Rundschau + Jürgen Otten +

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