Tanz den Valmont

Mit der Liebe spielt man nicht. Klarer Fall. Zwei Menschen versuchen es trotzdem – am Schluss ist der eine tot, der andere gesellschaftlich erledigt. Bis dahin sind im Opernhaus knapp zwei Stunden vergangen, und es sind merkwürdige zwei Stunden. Premiere von »Gefährliche Liebschaften«, der neuen Choreografie von Ballettdirektor Jörg Mannes.

Ein etwas anderer Tanzabend, wie schon rein visuell sehr schnell deutlich wird. Ein Steg kurvt rechts über den Orchestergraben bis in den Zuschauerraum, Projektionen erzeugen wechselnde Atmosphären. Und der Einstieg fürs Ohr ist eine Klanglandschaft mit Geräuschanteilen über einem bedrohlichen Pulsieren. Das gehört zu einer frisch komponierten Musik von Mark Polscher, intoniert vom Niedersächsischen Staatsorchester unter Toshiaki Murakami, teilweise eingespielt und ergänzt mit Live-Gesang der Mezzosopranistin Monika Walerowicz. Der Stoff beruht auf dem 1782 erschienenen Briefroman von Choderlos de Laclos. Die Marquise de Merteuil will sich an ihrem Ex rächen, dem Comte de Gercourt, und setzt deshalb den Vicomte de Valmont, einen anderen Verflossenen, auf Gercourts Braut Cécile an – mit seinem legendären Charme soll er die unschuldige junge Dame verführen. Merteuil und Valmont werden über ihrem fragwürdigen Spiel schließlich zu erbitterten Feinden. Das alles ist schon beim Lesen kompliziert genug, und im Tanz, der ja auf Strukturierung durch Sprache verzichten muss, wird es bestimmt nicht einfacher. So wirkt diese Premiere im ersten Teil denn auch anstrengend. Gerade diejenigen, denen die Handlung unbekannt ist, dürften sich schon mal fragen, wer da gerade aus welchem Grund hinter wem herjagt. Es lohnt sich aber, am Ball zu bleiben. Denn der Abend nimmt im weiteren Verlauf an Dichte und Intensität zu. Großartig das Aufeinandertreffen von Cécile und Valmont: Catherine Franco mit Mut zur Entblößung und in aller Verletzlichkeit sehr präsent, Denis Piza facettenreich als rücksichtsloser Verführer. Cássia Lopes in der Rolle der Merteuil entwickelt vor allem im Schlussabschnitt Konturen. Ein fieser Stoff, aber keine extreme Inszenierung. Dass Jörg Mannes die Neoklassik schätzt, wird durchaus deutlich, und die Musik überschreitet, elektronische Elemente hin oder her, nicht die Schmerzgrenze. Das Publikum spendet langen Applaus, entzückte Ausrufe und so manche Blume.

+ 06.03.10 + Neue Presse + Jörg Worat +

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