Ein Triumph der Tänzer

"Gefährliche Liebschaften" von Jörg Mannes

[…] Der Ballettchef zieht vier saftige Solorollen aus dem Briefroman von Choderlos de Laclos (1741-1803), 1782 anonym herausgekommen, und rankt darum das Geschehen um die Marquise de Merteuil. Unterfüttert wird der Ablauf von Musiken Vivaldis, Händels und für die Produktion komponierten Stücken von Mark Polscher (geb. 1961). Gegenwart und Historie durchdringen sich absichtsvoll in der Musik. Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau hat für Mannes die Fläche leer geräumt, hat sie mit einer Rampe über eine Hälfte des Orchestergrabens in die vordere Zuschauerreihe erweitert. An der Spitze, quasi auf dem Schoß des Publikums, vollziehen sich Kernmomente des Abends. Projektionen auf Wänden ermöglichen rasante, quasi filmische Szenenwechsel. Weiße Kostüme des Ensembles (Kostüme: Alexandra Schiess), stilisierte Barockröcke, Corsagen erzeugen eine eigentümlich zeitlose Atmosphäre, in der die Marquise ihre Fäden zieht. […] Cássia Lopes als Merteuil strahlt im intriganten Schwarz mit nackten, muskulösen Beinen und kurz gerocktem Bustier erotisch geladene Gefährlichkeit aus. Ihre suggestive Präsenz trägt auch über choreografisch dürre Momente, wenn etwa wiederholte hohe Battements die Inspiration ersetzen. Das Lavieren zwischen kühl geplanter Intrige und der Abhängigkeit von der Anerkennung der Gesellschaft, drückt Lopes mangels akzentuierter Bewegungen eher durch Blicke aus. In Dennis Piza als Valmont hat sie einen mehr als ebenbürtigen Partner. Piza, ebenfalls in Schwarz, verwandelt sich vom glatten Verführer zum Gescheiterten. Wenn Piza sich bei der Trennung von Tourvel windet und krümmt, wenn er im Duell mit Merteuils aktuellen Liebhaber, dem Fechtlehrer Dancency (Rubén Cabaleiro Campo), den Tod zu suchen scheint, erreicht er tragische Tiefe, weit über die technische Bewältigung der Rolle hinaus. Als Madame Tourvel muss Karine Seneca, rot gewandet, erst so etwas wie ihre Tugend zeigen, quasi trockenes Brot ohne Geschmack. Zu furioser Leidenschaft läuft Seneca im Pas de deux mit Valmont auf, sie überwältigt den überraschten Verführer nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Seneca verwandelt fulminant die brave Frau in ein erotisches Weib. […] Indem Mannes die Hauptrollen drei- bis vierfach besetzt, so dass in den folgenden Vorstellungen jeder mal drankommt, gibt er seinen Tänzern und Tänzerinnen reichlich lohnendes Futter zur weiteren Entwicklung: eine kluge, herausfordernde Ensemblepolitik. Komponist Mark Polscher hat geschickt dichte kammermusikalische Stücke eingefügt, elektronische Farben beigemischt, mit drängendem Rhythmus treibende Elemente eingebaut. Das kleine Ensemble unter Leitung von Toshiaki Murakami spielt knackig engagiert, Monika Walerowicz singt mit warmen Mezzo die Arien Händels und Vivaldis. Dankenswerterweise sind die Kompositionen im Programmheft in der Reihenfolge aufgelistet. Jörg Mannes hat einen saftigen Reißer kreiert, den anzusehen sich schon wegen der Tänzer lohnt […].

+ 06.03.10 + tanznetz.de + Ulrich Völker +

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